| 13. Dezember 2023

Wirtschaftliche Energieeffizienz dank Grossverbrauchermodell

Sabine Stöcklin, Amt für Umweltschutz und Energie

Das vor sechs Jahren im Kanton Basel-Landschaft eingeführte Grossverbrauchermodell ist ein Erfolg und wirkt: Fast zwei Drittel aller Unternehmen und Institutionen mit grossem Energieverbrauch haben eine Zielvereinbarung abgeschlossen. Diese erkennen dadurch ihre wirtschaftliche Energieeffizienz und nutzen sie. Aber weshalb musste der Gesetzgeber überhaupt eingreifen?

Unternehmen und Institutionen mit grossem Energieverbrauch müssen das Grossverbrauchermodell anwenden, um das in der wirtschaftlichen Energieeffizienz schlummernde Potential zu erkennen und zu nutzen. Damit leistet das Modell einen wichtigen Beitrag zur Energiestrategie von Kanton und Bund. Eingeführt hat es das Baselbiet im Zuge des revidierten Energiegesetzes im Jahr 2017. Mit Erfolg: Mittlerweile haben 72 Prozent aller Betriebe dieser Kategorie eine Zielvereinbarung für Grossverbraucher abgeschlossen – entweder mit dem Bund oder mit dem Kanton.

Wesentlich zum Erfolg des Grossverbrauchermodells beigetragen haben die finanziellen Anreize: Unternehmen können unter Umständen bei Abschluss einer Zielvereinbarung mit dem Bund die CO₂-Abgabe und / oder den Netzzuschlag auf den bezogenen Strom zurückfordern.

Das Modell funktioniert so: Unternehmen, die jährlich mehr als 0,5 GWh Strom verbrauchen oder mehr als fünf GWh Wärme beziehen, schliessen Zielvereinbarungen mit dem Bund oder mit dem Kanton ab. Sie verpflichten sich, wirtschaftliche Effizienzpotentiale zu ermitteln und innerhalb von zehn Jahren entsprechende Massnahmen umzusetzen. Als wirtschaftlich gelten Massnahmen in Prozessen, die in einer einfachen Payback-Betrachtung nach vier Jahren durch geringere Energiekosten zurückbezahlt sind. Für Massnahmen in Gebäudetechnik und -hüllen gilt ein Zeitraum von acht Jahren.

Stand Vollzug Grossverbrauchermodell BL, 16. Oktober 2023 (Quelle: AUE)

Zu den wirtschaftlichen Massnahmen gehört in den meisten Betrieben ausserdem die energetische Betriebsoptimierung. Also die Einregulierung der Geräte und Anlagen auf den effektiven Bedarf. Und in praktisch jeder Zielvereinbarung ist der Ersatz von Leuchten durch LED enthalten. In Betrieben mit Druckluft-Anwendungen wirkt sich ein Leck-Ortungsprogramm oft positiv auf den Verbrauch aus.

Entwickelt haben das Grossverbrauchermodell Energieingenieure und Unternehmen in den Kantonen Zürich und Neuenburg (s. Interview mit Thomas Weisskopf). Anhand zahlreicher Beispiele zeigten sie, dass in praktisch jedem Betrieb mit hohem Energieverbrauch wirtschaftliche Effizienzpotentiale schlummern. Energiespezialistinnen und -spezialisten halfen dabei, diese zu finden.

Das Grossverbrauchermodell ortet wirtschaftliche Energieeffizienzpotentiale bei Grossverbrauchern (Quelle: AUE)

Im Jahr 2014 wurde das Grossverbrauchermodell in die «Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich» (MuKEn) aufgenommen und zwei Jahre später auch ins eidgenössische Energiegesetz.

Bleibt am Schluss noch die Frage, weshalb es dafür überhaupt eine gesetzliche Vorgabe brauchte? Unternehmen sollten wirtschaftliche Potentiale auch so auf dem Radar haben?

Die Antwort ist mehrschichtig. Zum einen fallen dem Management die Energiekosten gar nicht so auf, weil sie gegenüber den Ausgaben für Personal, Investitionen, Produktentwicklungen etc. meist nicht so relevant sind. Zum andern fehlt in den Betrieben oft das Wissen um die Effizienzpotentiale. Der wichtigste Grund dürfte aber sein, dass profitorientierte Betriebe in aller Regel in kürzeren Zeiträumen rechnen und die positiven Effekte der Energieeffizienz sich über Jahre entwickeln. Deshalb greift die öffentliche Hand mit dem Grossverbraucherartikel und seinem politisch ausgehandelten Wirtschaftlichkeitsansatz ein. Weil die Öffentlichkeit eine nachhaltige Entwicklung mit einem harmonischen Dreiklang von Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt wünscht.

BUZ: Thomas Weisskopf, Sie gelten als einer der Väter des Grossverbrauchermodells, das in vielen Kantonen der Schweiz zur Anwendung kommt. Wie genau ist es dazu gekommen?
Weisskopf: Der eigentliche Erfinder des Grossverbrauchermodells ist mein EnAW-Kollege Thomas Bürki. Die Methodik des Energie-Modells für grössere Firmen hat er entwickelt und erprobt, bevor es von der EnAW übernommen und verbreitet wurde. Auf dieser Basis habe ich dann den kleinen Bruder des Energiemodells ausgestaltet: Das KMU-Modell für kleinere Unternehmen.

Mein grösster Beitrag besteht vor allem darin, die Software zur Abwicklung der beiden Modelle definiert und die Programmierung begleitet zu haben. Ausserdem haben mein Team und ich dafür geschaut, dass das jährliche Monitoring speditiv abgewickelt werden kann und dass die Qualität der Daten gut ist.

Mittlerweile sind schweizweit über 8'000 Betriebsstätten mit einer Universalzielvereinbarung unterwegs.

BUZ: Wie sehen Sie die künftige Entwicklung des Modells?
Weisskopf: Obwohl die Modelle 20 bis 25 Jahre alt sind, funktionieren sie noch bestens. Das besonders Interessante an den Modellen ist, dass sie wachstumsunabhängig sind bzw. Wachstum nicht behindern. Die Modelle lassen verschiedene Nuancen zu, wie beispielsweise die Senkung der Grossverbraucherschwelle, die Umsetzung der Betriebsoptimierungspflicht oder die Verbreitung als freiwillige Zielvereinbarung. Das Potenzial ist also noch erheblich.