| 13. Dezember 2023

Neue Methoden zur Planung und Umsetzung von Infrastrukturprojekten

Beat Tschudin Generalsekretariat, Joschko Ruppersberg, Amt für Industrielle Betriebe

Per 1. Januar tritt im Kanton Basel-Landschaft das revidierte Beschaffungsrecht der öffentlichen Hand in Kraft. Mit ihm werden gerade in komplexen, grossen Infrastrukturprojekten neue Vorgehensweisen möglich, um Planungs- und Ausführungsarbeiten zu vergeben und zu koordinieren. Das Amt für industrielle Betriebe und die Abteilung Beschaffungswesen der Bau- und Umweltschutzdirektion entwickeln in einem Pilot die Prozesse einer integrierten Projektabwicklung. Es könnte das Zukunftsmodell für das Projektmanagement werden.

Die ARA Birs in Birsfelden, für deren Erneuerung und Erweiterung eine neue Methode der Projektabwicklung getestet werden soll (Quelle: AIB)

Im Jahr 2012 startete ein gemeinsames Projekt von Bund und Kantonen, um das öffentliche Beschaffungsrecht zu revidieren. In die zersplitterte Rechtslage unseres föderalen System sollte Ordnung und Rechtssicherheit einkehren. Es wurde eine weitgehende Harmonisierung der Methoden und Prozesse auf nationaler und kantonaler Ebene angestrebt.

Über zwei relevanten Änderungen gegenüber dem bisherigen Vorgehen stehen die Stichworte „Dialog“ und „Qualität“. Zum einen ist es jetzt auch auf kantonaler Ebene möglich, mit potenziellen Anbietern vor Abschluss einer Submission das Gespräch zu führen, um gemeinsam nach den besten Lösungswegen oder Vorgehensweisen zu suchen. Zum anderen führt das neue Vergaberecht auch Zuschlagskriterien wie Nachhaltigkeit, Lebenszykluskosten, Lieferbedingungen, Kreativität oder Innovationsgehalt ein. Auf Bundesebene trat die Revision per 1. Januar 2021 in Kraft. Der Kanton Basel-Landschaft vollzieht die Änderungen per 1. Januar 2024.

Projektallianzen statt Gruppen von Dienstleistern und Lieferanten
Im alten System erfolgt die Beauftragung von Partnern zeitlich versetzt: Erst wenn ein Infrastrukturprojekt inhaltlich fertig geplant ist, erfolgt die Submission für dessen Ausführung. Der Kanton als Bauherr tritt zu unterschiedlichen Zeitpunkten in ein Vertragsverhältnis mit den Planungsunternehmen und mit den Baumeisterfirmen. Keinerlei Rechtsverhältnis besteht hingegen an der Schnittstelle zwischen planenden und ausführenden Partnern. Genau hier bieten sich regelmässig grosse Herausforderungen durch Missverständnisse und Meinungsverschiedenheiten. Die Konflikte münden in ein „Claim Management“, was so viel heisst, dass ein Projektpartner wegen Abweichungen vom ursprünglichen Projektauftrag bzw. Projektdesign Forderungen stellt. Solche Reibungsverluste ziehen Terminprobleme, Kostensteigerungen und Missstimmung nach sich – was das Gegenteil von Effizienz, Nachhaltigkeit und Qualität ist.

Das neue Beschaffungsrecht erlaubt es, bei geeigneten Projekten einen anderen Fokus zu setzen. Projektallianzen, bei denen sich Bauherr, Planung und Ausführung von Beginn an zu einem Team mit gemeinsamen Interessen und Zielen zusammenschliessen, könnten ein Weg sein, um Grossprojekte künftig erfolgreich(er) umzusetzen.

Integrierte Projektabwicklung – von Auftragnehmern zu Beteiligten
Je nach Quelle wird diese Methode des Projektmanagements als integrierte Projektabwicklung (IPA), als Integrated Project Delivery (IPD) oder als Projekt- oder Werkallianz bezeichnet. Kernpunkt ist das Zusammenlegen der Kompetenzen der relevanten Player, die sich gegenseitig befruchten. Auch die Expertise der ausführenden Unternehmen fliesst dadurch frühzeitig ein und beeinflusst die Projektierung.

Es braucht ein qualifiziertes Verfahren mit völlig neuen Abläufen, um in einem ersten Schritt zu den richtigen, optimalen Partnern oder Konsortien zu gelangen, die das grösste Potenzial zur Erreichung der Projektziele aufweisen. Anschliessend wird das Projekt gemeinsam aufgesetzt und verantwortet.

Da der Abstimmungsaufwand unter den Beteiligten im Rahmen der integrierten Projektabwicklung grösser als in der klassischen ist, eignet sich das neue Modell nur für Grossprojekte. Ihr Planungszeitraum vergrössert sich, während davon auszugehen ist, dass die Realisation effizienter vonstatten gehen wird. Im Idealfall fliessen in diesem Modell alle Energien in das Projekt und die angestrebte Lösung, mit entsprechendem Effizienz- und Qualitätsgewinn.

ARA Birs als Pilotprojekt
Auf Initiative des Amts für Industrielle Betriebe wird die Erneuerung und Erweiterung der ARA Birs in Birsfelden als Pilotprojekt im Modell der intergrierten Projektabwicklung geplant. Es handelt sich um ein Investitionsvolumen vor Ort von ca. 130 Millionen Franken. Verschiedene Fachstellen wie das Beschaffungswesen und der Rechtsdienst bieten Hand, um neue Ausschreibungsunterlagen zu erstellen und Prozesse zu definieren. Derzeit ist die Landratsvorlage auf dem Weg, um vom Regierungsrat und dem Baselbieter Parlament den Projektierungskredit gesprochen zu bekommen.

Am 30. November standen die beiden Autoren dieses Beitrags als Dozenten an der Bautagung 2023 im Einsatz, die unter dem Titel „Erfolgreiche Projekte – hohe Wertschöpfung mit IPD“ stand. Sie berichteten über ihre bisherigen Ergebnisse und Erfahrungen in der Verfahrensentwicklung und über die Erwartungen, die sie an die integrierte Projektabwicklung und an die Baubranche knüpfen. Zum Zeitpunkt der Landratsvorlage kann darüber vertieft berichtet werden.