Kanton Basel-Landschaft fördert den Baustoffkreislauf Regio Basel

Yves Zimmermann und Dominic Utinger, Amt für Umweltschutz und Energie

Als Nutzer von Infrastrukturbauwerken und Gebäuden tragen wir alle unbewusst zum grössten Abfallstrom der Schweiz bei: den Bauabfällen. Ein erheblicher Anteil dieser Abfälle kann grundsätzlich verwertet werden. Gleichzeitig ist auch der Ressourcenverbrauch der Bauwirtschaft hoch. Es liegt also auf der Hand, den Stoffkreislauf möglichst zu schliessen. Denn unsere heutigen Bauwerke sind auch unsere Ressourcen von morgen. Zur Förderung des Baustoffkreislaufs hat der Regierungsrat die Landratsvorlage «Massnahmenpaket zur Förderung des Baustoffkreislaufs Regio Basel» zur Kenntnis genommen und als Vernehmlassungsvorlage genehmigt. Das Ziel der Vorlage ist die Etablierung eines nachhaltigen Baustoffkreislaufs in der Region.

Wussten Sie, dass Bauabfälle in der Schweiz und auch in der Region Basel den mengenmässig weitaus bedeutendsten Abfallstrom ausmachen? Zu den Bauabfällen gehören unverschmutztes und belastetes Aushubmaterial sowie mineralische Bauabfälle aus Rückbauvorhaben. Obwohl schon heute ein erheblicher Anteil der Bauabfälle verwertet wird, landen noch immer jährlich rund eine Million Tonnen auf den Deponien im Baselbiet. Dies betrifft vor allem Bauabfälle, die ein gewisses Mass an Aufbereitung benötigen, bevor sie als Recycling-Baustoffe wiedereingesetzt werden können.

Durch die stoffliche Verwertung von mineralischen Bauabfällen wie zum Beispiel Betonabbruch und nutzbaren Anteilen wie Sand und Kies aus Aushubmaterial werden Kiesgruben sowie knapper Deponieraum geschont. Die Bauabfälle werden getrennt, sortiert, zerkleinert, gesiebt oder gewaschen. Danach werden sie in komplexen Aufbereitungsanlagen zu Recycling-Baustoffen aufbereitet. Entsprechende Anlagen generieren nebst dem ökologischen Nutzen auch eine regionale Wertschöpfung. Zudem können Eingriffe in die Natur und Landschaft reduziert werden. Es wird weniger Land verbraucht, um Kies als Primärressource für die Bauwirtschaft zu gewinnen.

Lager für verschiedene Recycling-Baustoffe bei der Firma Eberhard Recycling AG in Rümlang. Diese Recycling-Baustoffe dienen als Rohstoffe für die Herstellung von Baustoffen wie Beton. (Quelle: AUE)

Zentral bei der Verwertung von Abfällen aus dem Baubereich ist, dass Schad- und Störstoffe aus dem Kreislauf ausgeschleust und qualitativ hochwertige Recycling-Baustoffe produziert werden. Recycling-Baustoffe können als Sekundärrohstoffe wieder der Bauwirtschaft zugeführt werden und ersetzen Primärrohstoffe. Nicht verwertbare, mineralische Bauabfälle müssen dem Kreislauf entzogen und auf einer Deponie abgelagert werden. Somit gehören auch Deponien als unverzichtbares Element zu einem Baustoffkreislauf.

Vereinfachte, schematische Darstellung des Baustoffkreislaufs. Anfallende Bauabfälle werden soweit wie möglich zu hochwertigen Recycling-Baustoffen aufbereitet und diese werden als wertvolle Recycling-Baustoffe (Sekundärressourcen) wieder der Bauwirtschaft zugeführt. Dadurch werden Primärressourcen (z.B. Kies aus Kiesgruben) und knapper Deponieraum geschont. (Quelle: AUE)

Aktuelle Herausforderungen
Bis anhin konnte in der Region Basel kein funktionierender Baustoffkreislauf etabliert werden. Die Gründe dafür sind vielfältig. Einerseits wird Deponieraum im Kanton teilweise zu sehr günstigen Konditionen angeboten und auch die Preise für Primärrohstoffe (insbesondere Kies) aus dem grenznahen Ausland sind tief. Anderseits ist die Aufbereitung von Bauabfällen zu hochwertigen Recycling-Baustoffen aufwändig und Recycling-Baustoffe kämpfen gegen unberechtigte Vorbehalte. Der erwünschte Trend hin zum verdichteten Bauen sowie grosse Infrastrukturprojekte werden aber auch künftig zu grossen Bauabfallmengen führen. Obwohl die rechtlichen Vorgaben betreffend nachhaltiges Bauen und sorgsamen Umgang mit Ressourcen vorhanden sind, ist die Verwendung von Recycling-Baustoffen noch zu wenig etabliert.

In Kombination führt dies dazu, dass in der Region Basel der Bedarf an Deponieraum und an Primärrohstoffen sehr hoch ist. Die Akzeptanz von zusätzlichen Deponien ist in der Bevölkerung aber gering. Im Bereich der stark beanspruchten Deponien entstehen Engpässe, welche die Entsorgungssicherheit und somit die wirtschaftliche Entwicklung der Region gefährden.

Der Handlungsbedarf ist erkannt und die durch die Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) eingesetzte und breit abgestützte «Taskforce Baustoffkreislauf Regio Basel» hat eine Strategie erarbeitet, um einen Baustoffkreislauf zu etablieren. Mit einem Massnahmenpaket sollen die heutigen Fehlentwicklungen im Bereich des Baustoffkreislaufs kurz- bis mittelfristig korrigiert werden.

Rückbau eines Industriegebäudes im Raum Schweizerhalle. Gebäude und Infrastrukturbauwerke sind unsere Ressourcen für morgen. Durch die Verwertung von Rohstoffen werden Materialkreisläufe geschlossen und es sind weniger Eingriffe in die Natur notwendig. (Quelle: AUE)

Mit einem Massnahmenpaket zu einem Baustoffkreislauf
Der Regierungsrat des Kantons Basel-Landschaft hat Anfang November 2020 seine Strategie zum Baustoffkreislauf als Vernehmlassungsvorlage «Massnahmenpaket zur Förderung des Baustoffkreislaufs Regio Basel» der Öffentlichkeit präsentiert. Das übergeordnete Ziel der Vorlage ist es, einen nachhaltigen und zukunftsfähigen Baustoffkreislauf im Kanton Basel-Landschaft zu etablieren. Die Vorlage umfasst ein Paket von vier Massnahmen:

  • Einführung einer generellen Rückbaubewilligungspflicht, auch für Rückbauten ausserhalb der Kernzone, wie sie in vielen Kantonen bereits besteht.
  • Einführung einer Lenkungsabgabe auf das Deponiegut. Dadurch wird die Aufbereitung von Bauabfällen zu Recycling-Baustoffen wettbewerbsfähig gegenüber der per se kostengünstigen Ablagerung von Bauabfällen auf Deponien. Zudem kommt dem knappen Deponieraum ein angemessener Wert zu.
  • Selbstverpflichtung des Kantons zum Einsatz von Recycling-Baustoffen im Tief- und Hochbau, inkl. Monitoring zur Wahrnehmung dieser Eigenverantwortung.
  • Aufbau einer Fachstelle Baustoffkreislauf als Vollzugsorganisation innerhalb des Amtes für Umweltschutz und Energie.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Schweizer Kantonen kennt der Kanton Basel-Landschaft gegenwärtig keine Bewilligungspflicht für Rückbauten ausserhalb der Kernzone. Dies führt zu einer Ungleichbehandlung und verunmöglicht den Vollzug von Bestimmungen der eidgenössischen Verordnung über die Vermeidung und die Entsorgung von Abfällen. Diese sieht vor, dass im Rahmen des Baubewilligungsgesuchs ein Entsorgungskonzept vorzulegen ist. Mit einer generellen Rückbaubewilligung soll dieses Defizit korrigiert werden. Grundlage für die hochwertige Verwertung von Bauabfällen ist es, vorgängig Schadstoffe zu entfernen und den Abfall umfassend zu trennen.

Die Deponiegebühren für Baustoffabfälle liegen im Kanton Basel-Landschaft unter dem Schweizerischen Durchschnitt. Zudem kann aufgrund der Lage zum nahen Elsass Kies günstig eingeführt werden. Während auf die Preisgestaltung des Primärmaterials kein Einfluss genommen werden kann, soll künftig dem Deponieraum im Kanton Basel-Landschaft ein angemessener Preis zugeordnet werden. Damit werden die Recycling-Kreisläufe wirtschaftlich konkurrenzfähig. Dazu soll eine Lenkungsabgabe auf deponierte Abfälle erhoben werden. Für potentielle Investoren in entsprechende grosstechnische Anlagen ist ein attraktives Preisumfeld entscheidend. Die anfallenden Einnahmen aus der Lenkungsabgabe werden an alle Haushalte und Betriebe im Kanton via entsprechend reduzierte Abwassergebühren rückvergütet. Dieser Mechanismus ist sehr einfach umzusetzen und erfüllt die Anforderungen an eine Lenkungsabgabe.

Bei der Etablierung einer nachhaltigen Bauwirtschaft kommt der öffentlichen Hand als bedeutende Bauherrschaft eine besondere Rolle zu. Durch eine kantonale Selbstverpflichtung zum Einsatz von Recycling-Baustoffen will der Kanton seiner Vorbildrolle nachkommen. Sofern technisch möglich, ökologisch sinnvoll und aus ökonomischer Sicht verhältnismässig, werden künftig Recycling-Baustoffe eingesetzt. Im kantonalen Hoch- und Tiefbau werden Richtlinien und Ziele vereinbart, deren Erreichung anhand von Massenbilanzen jährlich überprüft und im Sinne der kontinuierlichen Verbesserung nötigenfalls nachjustiert.

Nebst klaren Rahmenbedingungen für den Baustoffkreislauf braucht es eine gut aufgestellte Vollzugsorganisation, um Entsorgungskonzepte zu prüfen und Baustellen, Verwertungsanlagen und Deponien kontrollieren zu können. Der Vollzug in der Abfallwirtschaft bzw. zum Baustoffkreislauf fällt in die Zuständigkeit des Amts für Umweltschutz und Energie, in dessen Organisation eine neue Fachstelle Baustoffkreislauf integriert wird.

Nicht alle anfallenden Bauabfälle können verwertet werden. Somit gehören auch Deponien zur sicheren Ablagerung von nicht verwertbaren Bauabfällen zu einem Baustoffkreislauf. Das Bild zeigt die Deponie Bruggtal (Typ B) bei Bennwil/Diegten. (Quelle: AUE)

Der Baustoffkreislauf – ein Generationenprojekt
Erfolgsfaktoren für den vermehrten Einsatz von Recycling-Baustoffen sind klare Rahmenbedingungen, eine gut aufgestellte Vollzugsorganisation, eine gelebte Vorbildfunktion des Kantons (und idealerweise auch der Gemeinden) betreffend den Einsatz von Recycling-Baustoffen im Hoch- und Tiefbau. Zudem braucht es innovative Unternehmungen, die nicht auf die Deponierung setzen, sondern bereit sind, in zukunftsfähige Aufbereitungsanlagen für Bauabfälle zu investieren.

Selbstverständlich kommt – speziell im Hochbau – nicht nur der öffentlichen Hand, sondern auch privaten und institutionellen Bauherren eine grosse Bedeutung zu. Mittelfristig kann das theoretische Potenzial des Baustoffkreislaufs nur dann ausgeschöpft werden, wenn die Nutzung von Recycling-Baustoffen zum Standard wird.

Zur Etablierung eines zukunftsfähigen Baustoffkreislaufs braucht es alle Akteure. Die notwendigen Änderungen und Weiterentwicklungen brauchen Zeit: Ein nachhaltiger Baustoffkreislauf in der Region Basel ist ein Generationenprojekt. Mit dem Massnahmenpaket wurde der Grundstein für dieses Generationenprojekt gelegt.