Hochbauamt | 22. April 2020

Siegerprojekt «SIRO» erkoren: Kantonsgericht wird umgebaut und erweitert

Jonas Wirth, Hochbauamt

Mit dem Projekt «SIRO» gewinnen Notaton aus Chur den Wettbewerb für die Erweiterung und den Umbau des Kantonsgerichts am Bahnhofplatz in Liestal. Im dichten Umfeld schafft das Projekt städtischen Freiraum und überzeugt durch seine betriebliche und räumliche Qualität.

Als Schulhaus der Stadt Liestal wurde das heutige Kantonsgericht 1854 erbaut. Stolz thronte es damals auf dem Hügel über der Rheinstrasse: Ein Zeichen des Aufbruchs des damals noch jungen Kanton Basel-Landschaft. Vor rund hundert Jahren kaufte der Kanton das Gebäude der Stadt ab und baute es um. Neben Obergericht im zweiten und Bezirksgericht im ersten Obergeschoss wurde im Erdgeschoss die heute am Emma Herwegh-Platz beheimatete Kantonsbibliothek untergebracht. Der ursprünglich gegen Norden in Richtung Rheinstrasse gerichtete Eingang wurde zum Bahnhofplatz hin orientiert und befindet sich vis-à-vis des heutigen Kulturhauses Palazzo. Leider verlor das denkmalpflegerisch bedeutende Gebäude nach verschiedenen Um- und Anbauten die repräsentative Wirkung von 1919, wodurch der Bau heute eine angemessene Würde vermissen lässt. An seinem Ort kommt dem Kantonsgericht eine besondere Stellung im Stadtgefüge zu: Am Rande des sich in grösserer Entwicklung befindenden Bahnhofgebiets, liegt es an exponierter Stelle gegenüber der Altstadt von Liestal. Zum Regierungsgebäude, dem Haus des Parlaments, steht das Haus der obersten kantonalen Rechtsprechung in sinniger Sichtbeziehung ebenbürtig gegenüber. 

Gerichtsgebäude vom Bahnhofplatz um 1919, Fotosammlung Seiler, Liestal (Quelle: Staatsarchiv Basel-Landschaft).

Der heutige Zustand des Gebäudes erfüllt die Anforderungen an ein zeitgemässes Gerichtsgebäude nicht. Verschachtelte Räume erschweren den Betrieb und das auf Stützen angebaute, in die Jahre gekommene Provisorium muss zurückgebaut werden. Neben der dringend notwendigen Instandsetzung ist ein umfassender Umbau des Bestands mit einer Erweiterung unumgänglich. In einer fachkundig begleiteten Vorstudie zum Wettbewerb diskutierte das Hochbauamt zusammen mit der Stadt Liestal, der kantonalen Denkmalpflege und dem Nutzer verschiedene Möglichkeiten, wie das Kantonsgericht am bestehenden Standort ein betrieblich funktionierendes Gebäude erhalten kann. Gemeinsam wurden dabei die Grundsätze für den Wettbewerb formuliert: Als eines der beiden wichtigsten öffentlichen Bauten des Kantons soll das Kantonsgericht repräsentativ in Erscheinung treten und damit die Identität des Ortes prägen. Die erforderliche Erweiterung kann dabei nordseitig erfolgen, wobei im Gegenzug zum Bahnhofsplatz hin die verlorene Wirkung des Gerichtsgebäudes von 1919 wiedergefunden werden soll. Im Gegenüber zum Kulturhaus Palazzo wird damit das historische Ensemble und der Bahnhofplatz als Ganzes gestärkt. 

37 Architektinnen und Architekten haben im offenen Projektwettbewerb Vorschläge für die Erweiterung und den Umbau des Kantonsgerichts eingereicht. Eine Jury, bestehend aus versierten Fachleuten, Vertretern der Stadt, des Gerichts und des Auftraggebers, hat in einem mehrtägigen Prozess die Beiträge intensiv diskutiert. Das einstimmig erkorene Siegerprojekt bringt mit seiner aussergewöhnlichen Konzeption überraschende und überragende Qualitäten mit. 

Visualisierung des Projekt SIRO von Notaton, Chur (Quelle: Studio David Klemmer).

Mit der über Eck gestellten Erweiterung auf verhältnismässig kleinem Fussabdruck lässt das siegreiche Projekt «SIRO» viel städtischen Raum frei und überzeugt ortsbaulich: Die prägende Hangkante zum Orisbach hin bleibt weiterhin erlebbar und mit der gewonnenen Distanz zur Nachbarschaft kann der Charakter des freistehenden Kantonsgerichts erhalten und gestärkt werden. Eine kluge Konzeption der inneren Erschliessung ermöglicht die Anordnung der Gerichtssäle auf mehreren Geschossen mit optimalen betrieblichen Abläufen. Den Verfassern von Notaton aus Chur gelingt es, Innenraum zu schaffen, der durch vielfältige Aussenbezüge eine hohe räumliche Qualität bietet. Zum Beispiel im Publikumsbereich mit Ausblick über den Orisbach zur Altstadt von Liestal. Der Projektname SIRO leitet sich ab von Oris, rückwärts geschrieben.

Nach der Umnutzung des Schulhauses zum Kantonsgericht vor rund hundert Jahren, erkennt die Jury im ausgewählten Projekt das Potential, wiederum ein Zeichen des Aufbruchs und der Erneuerung zu werden, ohne dabei die Geschichte des Ortes zu verdrängen. Ein grosses Versprechen und ein hoher Anspruch für die weitere Projektentwicklung.  

Nach Überarbeitung des Projekts wird dem Landrat voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2020 eine Ausgabenbewilligung für die Umsetzung des Projekts beantragt. Danach erfolgen Planung und Projektierung des Vorhabens. Nach aktueller Planung ist die Fertigstellung im 2025 vorgesehen.